„Ich Will Das Beste Kind Im Ganzen Universum Sein“ – wie ich Gareths Traum fing

For privacy reasons there is no Gareth on the photo, art in São Paulo. By Leo U flickr, licensed under CC BY-NC 2.0

Anfang Juni. Zweitausendundsechzehn. Ich schlender durch die breiten Nebenstraßen der Weststadt São Paulos. In meinem Kopf kreisen die immer gleichen Gedanken. Gedanken über die traumlosen Stunden im Paradies. Die Unmöglichkeit, nicht einen einzigen Traum im Grenzgebiet der Favela ‘Paraisópolis’ und der reichen angrezenden Nachbarschaft “Morumbi” einzufangen, drückt  meine Stimmung. Wenn Menschen zu mir sagen, dass sie keine Träume haben, meldet sich die Stimme in meinem Hirn und fragt mich flüsternd: „Was ist denn der Wert eines Lebens, wenn man keinen einzigen Traum hat?“. Ein leichter Schleier zieht in mein Blickfeld und breitet sich langsam aus. Irgendwo da draußen verstecken sie sich. Die Träumer.

Cut. In einem nahegelegenen Supermarkt kaufe ich mir etwas zum Essen. Ich laufe auf dem Nachhauseweg zu meinem Couchsurfing Host an einem Obdachlosen mit markantem Gesicht vorbei. Doch ich bleibe nicht stehen, mein Magen grummelt. „Drrrt, drrrt“. Die Hausklingel ist laut, zu hause ist trotzdem keiner. Mein Magen grummelt weiter, ich schnappe mir einen Sandwich, laufe zu einem nahegelegenen Park und setze mich auf eine alte Holzparkbank. Ein Jogger macht kurz halt & wählt mit einer Hundhalterinden die Standard-smalltalknummer #001 : „Alles gut?“ – „jaja, alles gut“. Die Trivialität des Smalltalks nimmt einmal wieder Überhand. „Der Regen…wieder schlimm in diesen Tagen“. Da wird mir in diesem Moment sehr deutlich, dass ich zurück zu diesem Obdachlosen gehen muss. Bloß nicht mit dem nächsten, den ich treffe über das Wetter faseln. Ich sollte die Chance am Schopfe packen und den Mann mit den Kraushaaren & markantem Gesicht ansprechen. Denn immer wenn ich dabei bin den Glauben an die Menschheit zu verlieren, trampe ich oder spreche mit Menschen, die sich auf Kopfsteinpflaster betten. Wenn mich wildfremde Menschen einfach so ein Stück mitnehmen, ganz ohne Gegenleistung, dann wächst aus diesem Altruismus Hoffnung heraus. Hoffnung an eine korrektere Gesellschaft. Auch ein Gespräch mit Menschen, die auf der Straße leben, nähren meine Hoffnung. Wenn sie mit ihrer puren Authentizität die Oberflächlichkeit zerschlagen, sind sie für mich echte Helden. „Mein Traum ist, dass es weniger Böswilligkeiten auf unserem Planeten gibt“. Dieses Zitat stammt nicht etwa von jemanden, der für sein Leben bereits ausgesorgt hat, sich mit Materiellem eingedeckt hat, sondern von einem der auf der Straße lebt, seine bemalten Holztafeln verkauft und praktisch nichts materielles besitzt außer seiner zerschlissenen Kleidung & seinen Pinseln. Es sind Alexandres Worte.  Der Maler von den Straßen São Paulos, der bei mir nach unserer Begegnung Anfang Mai so einiges in mir ausgelöst hat.

For privacy reasons there is no Gareth on the photo; photo shows street life on São Paulo By Leo U flickr, licensed under CC BY-NC 2.0

For privacy reasons there is no Gareth on the photo (São Paulo)
By Leo U
flickr, licensed under CC BY-NC 2.0

Die Jagd nach Feuer

Warum also nicht einfach ein paar Minuten mit dem Mann verweilen, ein wenig reden und vielleicht sogar seinen Traum einfangen? Ich verlasse den Park, nehme meine Beine in die Hand und laufe zum Supermarkt zurück. Dort wo ich ihn – den bärtigen Lockenkopf – sah, sehe ich nur noch B-e-t-o-n. Verdammt. Zu spät, er ist weg. Ich wechsele die Straßenseite, gehe die Straße hinauf, laufe vor mich hin. Ohne Ziel. In Gedanken. Da taucht in der Ferne ein Mann auf. Eingepackt in einer Decke. Je näher wir uns kommen, desto klarer wird mir: Das ist er. Doch noch irgendwie erwischt. Ich begrüße ihn. „Oi“. Hallo. Er ist sichtlich nervös, hat eine Zigarette in der Hand und fragt mich ohne „hallo“ nach Feuer. Er hat einen gefüllten Einkaufsbeutel bei sich, seine Decke rutscht ein wenig die Schulter hinab. Ich würde ihm gerne Feuer geben, habe aber selber keines. Er müsse jetzt unbedingt die Zigarette rauchen, sonst werde er sehr, sehr ungeduldig. Mit fast schon flehender Stimme fragt er mich, ob ich ihm einen riesen Gefallen tun könne. „Kannst Du mir bitte, bitte Streichhölzer besorgen?“. Klar, man. Kann ich machen. Da flitze ich in den Supermarkt, der nur wenige Meter entfernt ist. Keine Streichhölzer, keine Feuerzeuge zu verkaufen. Mit leeren Händen kehre ich zu ihm zurück. Ich merke, wie die Intensität seiner Nervosität wächst und da verspreche ich ihm ein Feuerzeug zu kaufen. „Da, die Straße rauf, da gibt es einen kleinen Laden, der Feuerzeuge verkauft“, informiert er mich. Alles klar. Während ich mich auf den Weg mache, realisiere ich die Komik des Ganzen. Er hat eine Zigarette, sogar einen Beutel voll mit frischen Lebensmitteln: Brot, Käse, Wurst und Früchte. Alles da. Aber er hat kein Feuer. Das kaufe ich ihm jetzt. Das ist meine Mission. Ladentür auf, das Feuerzeug wechselt den Besitzer, zurück zum Wartenden. „Ich glaub es nicht. Du bist wirklich zurückgekommen. Ich fasse es nicht“. Das Feuerzeug wechselt den Besitzer erneut. Sofort sucht sein rechter Daumen das Reibrad, bringt es zum drehen, aus dem Zündstein blitzen Feuerfunken –  die Zigarette glüht. Im Stile einer Pferdelunge nimmt er einen heftigen Zug Tabak. „Kann ich mir ne Zigarette borgen?“. Mit einem zufriedenen Gesicht, in dem die ganze Anspannung der letzten Minuten abfällt, macht er seine Schachtel Zigaretten auf, zieht eine Zigarette ein wenig aus der Packung heraus und hält sie mir hin. Ich merke richtig wie er sich freut, auch mal geben zu können. Da ich mein Feuerzeug ja verschenkte, stecke ich nun in der Haut eines feuersuchenden. Also frage ich ihn mit bittender Mimik und Fluppe im Mund: „Hey, hast Du mal eben Feuer für mich?“. „Hahahaha. Du bist ja ein lustig“. Er lacht ab. „Klar“, sagt er. Meine Kippe ist schon im Mund, mein Blick verrät, dass ich darauf bestehe, dass er mir die Zigarette anzündet. Einfach mal den Spieß umgedreht. „Ich bin Leo“, stelle ich mich vor und halte ihm meine Hand hin. „Ich bin Gareth* aus Südafrika“. Er gibt mir seine Hand. „Prazer“ – freut mich. „Was? Südafrika? Was machst du hier auf den Straßen Sao Paulos?“, frage ich ihn. „Erzähl ich Dir alles später, sagt er zu mir mit gesenktem Kopf.

Revolution

Gareth richtet seinen Kopf wieder auf. „Hey, Willst Du nen Zaubertrick sehen?“ Die Augen leuchten jetzt ein bisschen stärker. „Sicher“, sag ich. „Dann komm mit“. Der Schleier in meinem Blickfeld beginnt langsam zu verschwinden. Rauchend stiefeln wir die dunkle Straße entlang und machen vor einem Bankhaus Halt. Links am Eingang wischt er ein wenig Gebüsch und einige Zweige zur Seite.  Zum Vorschein kommt eine weiße strahlende Steckdose. „Strom. Hier, an der Buchse werde ich Strom ziehen. Einer Bank Strom klauen, ist das nicht ein revolutionärer Akt?“

„Hahaha, toller Zaubertrick“. Jetzt muss ich lachen. Gareth lacht mit und macht währenddessen seine Rucksacktaschen auf, kramt sein Handy samt Ladekabel heraus und steckt es in die Strombuchse. Die Zigarette verglüht, Gareth fährt seine Handysoftware hoch. „Mit wem Gareth wohl über dieses Handy kommuniziert?“, frage ich mich. Aber ich sage erst einmal nichts. Und dann holt Gareth weit aus, um meine Anfangsfrage zu beantworten: „Was machst Du hier, wie kommst du von Südafrika auf die Straßen São Paulos?“.

Der Anfang seiner Lebensgeschichte impliziert schon die Beschissenheit seines Seins. „Ich musste in den Krieg gegen Angola ziehen. Ich war gerade einmal 19 Jahre alt. 170 Contacts. Contacts – das sind Einsätze, Konfrontationen mit dem Feind. Ich habe in all diesen „Contacts“ etwa 350 Menschen getötet.“

Scheisse, so harten Tobak habe ich jetzt nicht erwartet. Ich war zwar auf der Suche nach echten Emotionen, auf der Suche nach Menschen mit Träumen und dann bekam ich das wohl krasseste vor die Nase gesetzt. Dermaßen gespickt von Emotionen und Leid, dass ich mich in seinen Kriegsgeschichten verliere. Dann erwähnt Gareth in einem Nebensatz, dass er Aids & Tuberkulose hat. Wo führt seine Geschichte noch hin? Ich merke schnell, dass Gareth nicht so einer meiner klassischen Helden von der Straße ist, die mir die Hoffnung wiedergeben. Ganz im Gegenteil: Er zieht mich in seine Welt. Eine Welt, die von gespenstischen Absurditäten geprägt ist. Sein physisches Leid, seine Seele, die ihm genommen wurde, seine große Angst vor dem Tod – jede Zelle spuckt all diese Dämonen aus. Sie türmen sich vor mir auf. Jeder dieser Dämonen schreit, jeder dieser Dämonen hat Angst und leidet.

Gareths Traum

Die Abgründe in die er mich blicken lässt werden größer. Doch je länger Gareth sein Leid mitteilt und auch gleichzeitig teilt, beruhigt er sich mit der Zeit. Und dann sagt er „Oh, Mann, es tut so verdammt gut mit jemandem länger über all das zu reden. Vielen, vielen Dank“. Er sagt mir, dass eigentlich keiner mit ihm spräche, deswegen habe er angefangen seine Monologe auf dem Handy aufzunehmen. Dann, abends wenn er sein Handy mit seiner ganz persönlichen „freien Energiequelle“ auflädt, lauscht er seinen selbstaufgenommenen Witzen & Geschichten. Das mache er, um nicht verrückt zu werden. „Klar, ein bisschen verrückt bin ich schon“, muss Gareth sich eingestehen. Aber wie soll soll man es ihm verübeln? Wenn man gezwungen wird Menschen umzuschießen, Unschuldige zu ermorden – wie soll man da nicht verrückt werden.

Da kommt es plötzlich aus mir heraus. Auch wenn es in dieser Situation absurd klingt: „Gareth, was ist dein Traum?“. Gareth schaut mich mit seinem angsterfülltem Gesicht an. “Ich möchte das beste Kind im ganzen Universum sein”. Er sagte die Worte mit so dermaßen viel Authentizität , wie ich es noch nie erlebt habe. Einige Tränen kullern seine Wangen hinunter – und seine Worte ergreifen auch mich.

Der Weltschmerz thront vor mir und ich merke, dass die Zeit gekommen ist. „Gareth, Ich muss gehen.“

„Wirklich? Lass uns über WhatsApp in Kontakt bleiben!“. Dann können wir uns schreiben. “Ich nicke und tippe meine Nummer in sein Handy. Nummer für Nummer tippe ich in das alte Tastenhandy. Die Nummer ist fast komplett, ich bin bei der letzten Ziffer, dann stoppe ich. Gucke Gareth an. Überlege. Es heißt ja man sieht sich immer zwei mal im Leben. Aber will ich das? Manchen Menschen sollte man vielleicht nur einmal begegnen. Die letzte Ziffer ist eine 9 und das bedeutet, dass er nicht meinen Kontakt finden wird, sondern irgendeinen anderen Deutschen. Ich bedanke mich für seine Lebensgeschichte und mache mich vom Acker.

Welchen Tod kann man erwarten?

Mit einem echten Gefühlscocktail verlasse ich das Schlachtfeld der Dämonen. Was für ein Gefühlscocktail wurde mir da verabreicht? Wut. Wut auf all jene die jungen Menschen ihre Seelen abkaufen, den Unschuldigen Gewehre in die Hand geben und sie zu Mördern machen. Schmerz. Gareths seelisches und physisches Leid. Es ist abgrundtief. Hoffnung. Denn es fasziniert mich, wie freudig und herzlich Gareth in seinem aussichtslosen Zustand noch lachen kann. Es waren wenige Momente, aber immerhin war es ihm möglich in dieser ausweglosen, schmerzvollen Lage zu Lachen, Freude zu empfinden!

Ein dichter Abgasnebel legt sich auf die Straße. Während ich nach Hause laufe frage ich mich welchen Tod man denn erwarten kann, wenn man 350 Menschen umgenietet hat? Ich frage mich wie viele Tode Gareth noch sterben muss. Der langsame Tod in der Grey City wird sein letzter sein. Ich wünsche mir so sehr, dass Gareths Seele Frieden und Ruhe findet.


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*Name geändert

2 thoughts on “„Ich Will Das Beste Kind Im Ganzen Universum Sein“ – wie ich Gareths Traum fing

  1. Jakob

    Das is ja mal ne krasse Geschichte!

    350 Leute…

    Das erinnert mich grad bisschen an ne Geschichte von meiner Freundin. Ein Kollege von ihr war in der israelischen Armee und meinte mal zu ihr, dass er überhaupt nicht mehr weiß, wie viele Palästinenser er schon erschossen hat, er hat irgendwann aufgehört zu zählen. Sie, extrem angewidert davon (weil vielleicht auch Bekannte von ihr darunter waren), hat ihn übelst gehasst seit dem. Jetzt sind sie beste Freunde… Ich hab ihn erst einmal gesehen und wollte ihn da eigentlich drauf ansprechen. Aber am Ende warn wir alle dermaßen stoned, dass da nichts draus geworden ist. Hole ich aber nach, ich bin gespannt, was er da sagt, wie er mit dieser Unmenschlichkeit leben kann.

    Peace!

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  2. Leo Post author

    Ja es ist alles ziemlich krass gewesen. Als er mir seine Kriegsgeschichten erzählte und von seinen tödlichen treffern berichtete, da wurde er mir richtig unsympathisch. Dachte auch darüber nach sein schlachtfeld zu verlassen, aber als ich die angst und verzweiflung in seinen augen sah und merkte wie all diese morde ihn beschäftigen..ja auch er wurde zum schießen gezwungen wurde, da blieb ich. Der einzige Ausweg aus seiner Misere wäre ja der Selbstmord gewesen, aber das erfordert soviel Kraft in dieser Situation der schwäche, wenn man bedenkt, dass der überlebenswillen das stärkste gefühl von allen ist. meine theorie ist, dass nach dem ersten mord die seele abstumpft, man sich von den weiteren morden abgrenzt und mehr ein beobachter als täter wird.
    Dann: Die jahre vergehen, aber die bilder im kopf bleiben. Soll man diesen Menschen mit verachtung begegnen? Ich denke sie können starke verbündete sein wenn es darum geht Kriegstreiber zu enttarnen, bloßzustellen.
    Deine Geschichte möchte ich aber auch noch hören. Daher: Versteck das dope das nächste mal gut (;

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