“Yes. Always Yes”

Buenos Aires.

Eine Buchhandlung. „Eat clean“ – so lautet der Titel eines dicken Schinkens dort im Bücherregal. Am Ausgang, die Leute rauschen vorbei. Es stinkt. Abgase. Muff. Ein dreckiger Wind weht.

Wenn man schon dreck atmet, dann doch wenigstens clean essen.

Die Robots gehen. Immer leicht gebückt, nur wenige halten den Kopf gerade und die allerwenigsten schaffen es den anderen in die Augen zu schauen.

Sao Paulo.

Die Crackies liegen auf der Straße. Und es werden von Tag zu Tag mehr. Crackolandia – ein neuer Stadtteil im Herzen Sao Paulos, bennant nach dem weißen Stoffs und ihren Opfern. Hier sind sie vereint verloren. Im Zentrum. Und der Crackhead – da an der Ecke. Der Wind weht sie immer wieder weg, seine Decke… ein Stückweit fliegt sie, dann geht sie zu Boden. Er steht auf, holt sie zu sich zurück und verzieht dabei keine Miene. Ein taubes Gesicht, stumpfe Ohren – was passiert hier? Er setzt sich wieder hin, legt die Decke über seine Beine. Der Wind weht wieder, die Decke fliegt .. dieses mal ein Stückchen weiter weg. Er steht auf. Er holt sie sich zurück. Das ganze geht schon seit drei Tagen so. Menschen strömen an ihm vorbei, keiner macht etwas. Was könnte man denn auch tun? Wie soll man jemandem helfen, der seelisch bereits tot ist. Er hat sich längst sein Gehirn mit Heroinresten weggeätzt – seine Seele aber wartet in einem noch halbwegs intakten Körper noch auf ihren Tod. Warten bis auch das Fleisch zerfällt.

Die lebenden Toten.

Wo ist Gareth, der Soldat der 500 Seelen das Licht ausgeknipst hat und jetzt an Aids und Tuberkulose auf der Straßen Sao Paulos seine letzten Schritte geht?

„Always yes“ steht da auf einem T-Shirt eines Passanten. Weiß auf schwarz. Was soll das heißen: “always yes”? Das Ja-Sagen zur Tugend machen? Müssen wir jetzt ausnahmslos Ja-Sagen? Zu allem? Ist das Teil der kommenden Kultur? Einfach Ja sagen. Ja, Ja.

Medellín. 18 Uhr. Rush hour. Zwei starke Männer, von den Metrobetreibern angestellt, drücken Menschenmassen in die Wagons. Drücken, pressen, einer passt noch rein. Die Metro, das Eisen, bewegt sich, langsam zieht die Raupe los. Man sieht die großen, grünen Berge am Stadtrand. Die Natur ist nah, aber für die Robots ist sie fern. Die Blicke richten sich nach unten. Smartphone-time.

Eine Plastiktüte fliegt auf fünf Metern höhe, sie tanzt im Wind. Ist das Ausdruckskunst?

Der warme Luft aus dem Metroschacht, das bedeutet Auftrieb für die Tüte: So tanzt sie auf majestätischer Höhe, und je länger man zur Plastiktüte heraufschaut, desto eher bekommt es den Anschein, als wache sie über uns Menschen. Da ist sie, da oben. Die Plastiktüte. Gedanken- und sorglos tanzt sie – mit der Leichtigkeit eines Kindes. Da unten die Robots, eingepfercht in ihren Blech und Beton. Die Natur ist so nah. Die Natur ist so fern.

Die Kakerlaken recken sich. Recke dich!

Quito.

Im Bus. Ich werde geschubst, ein Mensch mit einem riesigen Geschenkpaket blockiert den Buseingang, er wankt und wird an die Seite gedrängt. Irgendwer presst gegen meinen Rucksack und flucht dabei. Ich merke wie irgendwas an meiner Hosentasche fummelt und als ich nach meinem Handy greifen will..verdammt. es ist weg. Die Bustüren schließen, das handy kann jetzt überall sein. It’s gone. Bye. Ciao. Hasta nunca. Wech. Alles ist anonym. Ich schaue in die Gesichter. Stress, Schweiß und Müdigkeit. Smartphone. Recke-dich!

Großstadt, wie ich dich liebe, wie ich dich verdamme.

„Say Always yes“

„Eat Clean“

Kakerlake, recke dich!

Was soll das heißen?

“Always yes”

Bogotá.

Neue Stadt, neue T-Shirts:

„Eat – Party – Sleep – Repeat“, steht es auf einem T-Shirt geschrieben.

Die Nacht bricht herein. Beer-time. Ein Freund und ich peilen den Barwechsel an – eine kleine düstere Gestalt taucht aus dem halb-dunklem auf und fragt nach Münzen: Habt ihr 100 Pesos? Nein? 200 vielleicht? 100? Wir verneinen alle Zahlen und machen ihm keine Hoffnungen. Er kommt näher. er fragt nochmal: „100 PESOS?“.

“Nein!”, sagen wir. Dieses Mal etwas bestimmter.

Da öffnet der Gauner mit seiner rechten hand seine Jacke und legt sein Messer frei.

Frischluft für die Klinge. Er fragt nochmal:

„100 Pesos vielleicht?“

Ich reiße meine Augen auf. Adrenalin pumpt schlagartig durch meine Adern. Meine Pupillen weiten sich, dieses mal schalte ich schneller als Lucky Luke, nehme meine Beine in die Hand – noch bevor ein Schatten von mir fallen kann.

„Run, Antoine!!“

Er braucht ein bisschen bis er die Lage erkennt und seinen Körper in Bewegung bringt. Dann rennt auch er. Gemeinsam rennen wir durch die dunkle Nacht Bogotás.

Cut.

Ja, Ja, JA!

“Always say yes”

“Eat Clean”

“Eat, Party, Sleep,

Repeat”

Die Plastiktüte fliegt und tanzt, die Straßen klingen nach Blech, Sirenen schreien, und der Dreck kratzt in meinen Lungen. Recke dich, Kakerlake!

Rennen.

Repeat.

Always yes.

Ja, Ja.

Always yes.

 

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